Berufsorientierung strategisch organisieren


Experten diskutierten mit über 60 Lehrern beim HWK-Lehrer-Infotag über Entscheidungshilfen bei der Berufswahl
Experten diskutierten mit über 60 Lehrern beim HWK-Lehrer-Infotag über Entscheidungshilfen bei der Berufswahl 

 

Zu ihrem ersten Lehrer-Infotag hatte die Handwerkskammer des Saarlandes (HWK) hochrangige Experten und Lehrer eingeladen, um über die optimale Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf den Beruf zu diskutieren. Im Fokus der Diskussion stand die Ausrichtung der Berufsorientierung, die die Schüler bei der Berufswahl begleiten soll. Bildungsexperte Prof Dr. Felix Rauner von der Universität Bremen sieht das große Manko in Deutschland in der Vielzahl an Projekten und Maßnahmen. Hier fehle ein länderübergreifendes Konzept eine konzertierte Strategie, um die Jugendlichen über Berufe optimal zu informieren. „Viele Köche verderben den Brei“, so sein Resümee. Deshalb liege Deutschland im internationalen Vergleich hier auf dem letzten Platz. Die Ursachen an der zunehmenden Akademisierung der Gesellschaft, die HWK-Präsident Wegner in seiner Begrüßung ansprach, sieht er in der Vergangenheit mit ihrem uneingeschränkten Vertrauen in die Wissensgesellschaft begründet. Das habe zu einer eindimensionalen Ausrichtung der Bildungshierarchie geführt.

Polarisierung kein Lösungsansatz

„Wer akademisch mit hoher Bildung und berufliche Bildung mit niedrigem Standard gleichsetzt, wie das die OECD tut, der verkennt, dass es sich hier um unterschiedliche Systeme handelt, die nicht miteinander zu vergleichen sind.“ Es ginge nicht um berufliche oder akademische Bil-dung, sondern um berufliche und akademische Bildung. Beide Systeme sind gleich wichtig für eine Gesellschaft, unterstrich Rauner.

Auch Bildungs- und Kulturminister Ulrich Commerçon sieht in der Polarisierung keinen Lösungsansatz. Eine Wirtschaft brauche sowohl Akademiker als auch gewerblich Tätige. Letztlich müsse eine Berufswahl dem Schüler maßgeschneidert sprich passgenau sitzen, damit sie den gewünschten Erfolg bringe. Er betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Handwerks als wichtigen Wirtschaftsfaktor und auch die Vorzüge des Dualen Systems, das zusehends im Ausland Nachahmer findet. In Bezug auf die Berufsorientierung sieht er das Saarland gut aufgestellt – der Profilpass habe sich als Beratungsinstrument zur Ermittlung von Kompetenzen in den Gemeinschaftsschulen bewährt, aber an Gymnasien bestünde hier noch dringender Nachholbedarf.

Passgenaue Beratung wird gefordert

Dr. Bernhard Jellonek, Leiter des Landesinstitutes für Pädagogik und Medien, teilte Rauners Kritik im Hinblick auf den Dschungel an Berufsorientierungsprojekten. Das könne kein Lehrer mehr überblicken. In Sachen Passgenauigkeit stimmte er Commerçon zu und schlug vor, Betreuungspatenschaften zu entwickeln, die Schüler gezielt bei der Berufswahl und beim Übergang von der Schule in den Beruf unterstützen. Mit Blick auf die Übergangssysteme ist Heidrun Schulz, Vorsitzende der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz Saarland, ebenfalls der Ansicht, dass diese sinnvoller und effektiver gestaltet werden müssten. Die zentrale Rolle der Bundesagentur bei der Berufswahl sieht sie dabei verstärkt in der beratenden Funktion, gerade auch im Hinblick auf leistungsschwächere Jugendliche. Das Dickicht an Berufsorientierungsprogrammen und Maßnahmen beklagte auch Sigrid Klein, die Lehrerin an der Schule am Warndtwald in Überherren ist. „Das ist für Lehrer nicht mehr zu durchschauen.“ Weniger mache hier Sinn seien, so ihr Fazit.

Duale Ausbildung muss aufgewertet werden

SZ-Chefredakteur Peter Stefan Herbst, der die Podiumsdiskussion moderierte, fragte, ob nicht der mangelnde Zuspruch für die Duale Ausbildung auch im Image des Handwerks zu sehen sei. Das wies HWK-Hauptgeschäftsführer Georg Brenner nicht grundsätzlich von der Hand, machte hierfür aber im Wesentlichen die gesellschaftliche Diskussion über den Wert der Akademischen Bildung verantwortlich. Die staatliche Förderung der akademischen Bildung zeige, dass die gewerbliche Ausbildung als Ausbildung zweiter Klasse angesehen werde. Sie gelte es zukünftig weiter aufzuwerten. Allerdings habe es das Handwerk  versäumt seine Veränderungen mit den vielen neuen technologieorientierten Berufen in der Öffentlichkeit zu kommunizieren. Dem trage die Imagekampagne des deutschen Handwerks jetzt Rechnung.

Auch die über 60 anwesenden Lehrer brachten sich in die Diskussion ein. Von mehr Weiterbildung in Sachen Berufsorientierung für die damit beauftragten Lehrer, zielgerichteten Veranstaltungen im Bereich der Früherziehung bis hin zu einer stärkeren Beteiligung der Handwerksunternehmen am Berufsorientierungsprozess reichten die Forderungen.

Bei letzterem Punkt habe das Handwerk gegenüber der Industrie an Boden verloren, meinte auch Rauner, die aber generell strukturell besser aufgestellt seien als die Kleinunternehmen des Handwerks. Alle Akteure waren sich einig, dass der Einblick in die betriebliche Praxis durch nichts zu ersetzen sei, wenn es darum ginge, Berufe zu vermitteln und kennenzulernen. Dem stimmte Brenner uneingeschränkt zu und verwies auf die Schulpraktika in der HWK, bei der die Schüler innerhalb von zwei Wochen verschiedene Berufe durchlaufen.

Abgerundet wurde die Veranstaltung am Nachmittag durch Führungen durch die Kompetenzzentren der HWK und verschiedene Workshops. In Richtung Lehrer betonte Brenner deren Bedeutung als wichtige Multiplikatoren im Berufsorientierungsprozess.