Forderungen nach Investitionen sollten endlich umgesetzt werden


Interview mit dem neuen AGV Bau Saar-Präsidenten Dipl.-Ing. Klaus Ehrhardt
Interview mit dem neuen AGV Bau Saar-Präsidenten Dipl.-Ing. Klaus Ehrhardt

 

Herr Ehrhardt, welche Ziele haben Sie sich als neu gewählter Präsident des AGV Bau Saar gesetzt?

Unser Verband wurde mir hervorragend aufgestellt übergeben. Wir werden aber sicherlich das Serviceangebot für unsere Mitgliedsunternehmen noch weiter ausbauen und verbessern. Außerdem gilt es unser Ausbildungszentrum gerade im Internatsbereich neu und attraktiver zu gestalten, um es auch für zukünftige Auszubildende, wo immer sie auch herkommen, interessanter für den Bauberuf zu machen. Die Politik werden wir auch weiterhin mit wachem Auge, aber auch mit konstruktiven Verbesserungsvorschlägen in Ihrem Handeln begleiten.

Dem Land und den Kommunen steht die saarländische Bauwirtschaft bei diesen sicherlich nicht einfachen Aufgaben nach wie vor jederzeit als kompetenter Partner zur Seite Wie entwickelt sich aktuell die Baukonjunktur im Saarland?

Die aktuelle Lage der Bauwirtschaft – auch der saarländischen Bauwirtschaft – ist im Großen und Ganzen zufriedenstellend. Das konnten wir in den zurückliegenden Jahren nicht immer vermelden. So gesehen ist die Branche derzeit verhalten optimistisch gestimmt. Dies rührt zum einen daher, dass die Rahmenbedingungen nun schon eine ganze Zeitlang in wichtigen Bereichen positiv sind. So haben wir niedrige Zinsen sowohl für Kapitalerträge als auch für Kredite, eine gute allgemeinwirtschaftliche Stimmung in Deutschland und schließlich niedrige Arbeitslosigkeit bei steigender Beschäftigung. Sorgen macht uns die allgemeinwirtschaftliche Situation. Nach dem Brexit-Votum ist die britische Industrie so rasant auf Talfahrt gegangen wie seit drei Jahren nicht mehr. Viele Ökonomen gehen davon aus, dass Großbritannien in eine Rezession rutscht. Mit der von den Notenbanken zu erwartenden Zinssenkung als Gegenmaßnahme würde der Zins auf ein Niveau fallen, das er seit mehr als 300 Jahren nicht mehr gehabt hat. Die Folgen des Brexit vermag heute noch niemand in Bezug auf die wirtschaftlichen Auswirkungen, gerade für unser Saarland und natürlich auch für die Bauwirtschaft, vorherzusagen.

Mit welchen Problemen kämpfen Sie bei der Suche nach Auszubildenden? Sind Flüchtlinge auch eine Option, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Der AGV Bau Saar hat die Probleme des aufkommenden Fachkräftemangels schon frühzeitig erkannt und mit der Grundsteinlegung für den Neubau der Außenstelle des Ausbildungszentrums bereits im Jahr 2009 seine kontinuierlichen Anstrengungen der Vergangenheit fortgesetzt, die überbetriebliche Ausbildungsstelle den neuen Anforderungen anzupassen und damit auch die Ausbildung unseres Berufsnachwuchses attraktiv zu gestalten. Der Beteiligung an Ausbildungsmessen folgte unsere seit drei Jahren erfolgreich durchgeführte Kampagne „Azubi am Bau“ mit begleitenden Infotagen auf unserer Lehrbaustelle, um Berufsnachwuchs live und vor Ort unter Beteiligung der Mitgliedsfirmen zu gewinnen. Hier wurde völlig neu und unter Berücksichtigung und Einsatz neuer Medien wie Videos, Facebook etc. eine Kampagne und Veranstaltung konzipiert, die bei den jungen Leuten hervorragend ankam. Teilnehmer an diesen Infotagen waren auch viele Klassen und Schüler mit Migrationshintergrund. Gerade hier sehen wir großes Potenzial. Inwiefern allerdings Flüchtlinge eine Option sind, dem Fachkräftemangel zu begegnen, können wir derzeit noch nicht abschätzen. Mit Sprachkursen und der Berufseinstiegsqualifizierung BAU, über die Flüchtlinge in Form von Praktika im Ausbildungszentrum und vor Ort bei den Betrieben an eine Berufsausbildung herangeführt werden sollen, versucht der AGV Bau Saar neue Schritte der Fachkräftequalifizierung und schließlich auch -generierung zu beschreiten.

Das Thema Infrastruktur hat die Medien im Saarland in jüngster Zeit beherrscht. Welche Erwartungen haben Sie an die Landesregierung, die angesprochenen Defizite zu beheben?

Von unserer Landesregierung erwarte ich zunächst, dass unsere Forderungen nach einem Investitionshochlauf nicht nur wahrgenommen, sondern auch endlich Gehör finden und umgesetzt werden. Ein Unterbleiben von Investitionen führt zu einer Schwächung des Wirtschaftsstandortes Saarland und kommt am Ende die Allgemeinheit wesentlich teurer, als wenn man zeitnah und kontinuierlich handelt. Wir hatten immer davor gewarnt, dass irgendwann Brücken und Verkehrswege gesperrt werden müssten – wir hatten immer darauf hingewiesen, dass die fertiggestellten Wohneinheiten von rund 250.000 im Jahr nicht ausreichend sind. Ebenso weisen wir seit vielen Jahren darauf hin, dass unser Kanalsystem einen erheblichen Investitionsstau aufweist, ganz zu schweigen eine Vielzahl öffentlicher Gebäude. Wenn uns in diesem Zusammenhang immer wieder als Entschuldigung die Einhaltung der Schuldenbremse vorgehalten wird, so können wir diesem Argument nicht wirklich folgen. Die Schuldenbremse sozusagen als selbst auferlegte Daumenschraube wird von uns nicht in Frage gestellt. Die Steuereinnahmen der öffentlichen Hände steigen seit Jahren. Wenn es neue Schätzungen gibt, so werden diese anders als in früheren Jahren, wie jüngst geschehen – nicht nach unten, sondern nach oben korrigiert. Geld ist da! Geld ist so billig wie nie! Die vorhandenen finanziellen Spielräume wurden aber in der jüngsten Vergangenheit trotz gewisser Investitionsbereitschaft weiterhin überproportional im sogenannten Konsumtivbereich ausgegeben. Angesichts der bevorstehenden Wahlentscheidungen im Bund und Land besteht die Befürchtung, dass auch in diesem Zusammenhang wieder „Wahlgeschenke“ in Aussicht gestellt werden, die nichts mit den von uns geforderten nachhaltigen Investitionen in den Wirtschafts- und den Industriestandort Deutschland zu tun haben. Wir werden uns als Verband im Vorfeld der Wahlentscheidungen hierzu immer wieder zu Wort melden und unseren Forderungen Gehör verschaffen. Dazu gehört auch, dass die Bauherrenkompetenz der öffentlichen Auftraggeber auf allen Ebenen wieder deutlich gesteigert wird. Die fehlende Bauherrenkompetenz, bedingt durch kontinuierlichen Personalabbau in den Bauverwaltungen, ist mit eine der Ursachen dafür, dass gerade hier im Land etliche Baumaßnahmen in die Schlagzeilen geraten sind. Die Schuldenbremse darf hier nicht als Entschuldigung dafür herangezogen werden, dass die öffentliche Hand ihre Bauherrenkompetenz in einem Maße abgebaut hat, dass sie selbst in einigen Fällen kaum noch handlungsfähig ist.

Welche Chancen bietet die fortschreitende Digitalisierung für das Bauhandwerk?

Simulationen, IT-Anwendungen im Bereich Lean-Construction, Social Media, E-Learning oder Abrechnungs- bzw. Berechnungstools sind nur einige Beispiele des Einsatzes der modernen Technik im Bauunternehmen. Ganz neu bzw. in aller Munde ist das Building Information Modelling (BIM). Es ist eine gemeinschaftliche, durch digitale Technologien unterstützte Arbeitsweise, die effiziente Methoden des Planens, Bauens und Betreibens von Bauwerken ermöglicht. BIM verknüpft wichtige Produkt oder Objektdaten in einem digitalen 3D Modell, das zum effektiven Management von Informationen über den gesamten Lebenszyklus des Bauwerks hinweg dient – von den ganz frühen Konzeptphasen bis hin zum Betrieb. Der BIM Prozess wird künftig Anwendung finden sowohl im Hochbau wie auch im Infrastrukturbereich und kein Unternehmen, das auch in Zukunft am Markt bestehen will, wird sich diesem entziehen können. Das gilt übrigens nicht nur für Neubauten. Wir sehen auch große Vorteile für Ertüchtigungsmaßnahmen und Renovierungen, wenn beispielsweise überwiegend digitale Daten aus anderen Quellen, wie Laserscan, Licht- oder Energieanalysen genutzt werden.