„Handwerk ist zukunftsorientiert“


Präsident Bernd Wegner im saarland-journal.de-Interview
Bernd Wegner, Präsident der saarländischen Handwerkskammer, im saarland-journal.de-Interview 

Eine bekannte Redewendung lautet: „Handwerk hat goldenen Boden“. Inwieweit trifft das auch heute noch zu?  

Bernd Wegner: An der Gültigkeit der Redewendung hat sich bis heute nichts geändert. Allerdings müssen wir heute mehr denn je die Gründe für diesen goldenen Boden den jungen Menschen vermitteln. Denn viele kennen gar nicht die Vorteile, die eine handwerkliche Ausbildung gegenüber der akademischen haben kann. So ist das Handwerk mit rund 130 Ausbildungsberufen äußerst vielfältig. Es bietet beste Zukunftschancen, da zum einen handwerkliche Fachkräfte gesucht werden und zum anderen viele Betriebe qualifizierte Nachfolger suchen. Wer sich selbstständig macht und den Markt qualifiziert bedient, der hat nicht nur die Erfüllung sein eigener Chef zu sein, sondern kann auch gutes Geld verdienen.  

Das durchschnittliche Lebenseinkommen eines Handwerksmeisters liegt ungefähr gleichauf mit dem eines Fachhochschulabsolventen. Außerdem ist das Handwerk zukunftsorientiert.  Stichwort „Digitalisierung und Energiewende“: Auch hier spielt das Handwerk an vorderster Front mit. Alles Gründe, die für das Handwerk sprechen. 

Sie fordern die Gleichbehandlung beruflicher und akademischer Ausbildung. Wie sehen Sie die Situation und was ist zu tun? 

Bernd Wegner: Erfreulicherweise ist hier in den letzten Jahren einiges geschehen, wozu auch der Deutsche Qualifikationsrahmen beigetragen hat. Abschlüsse wie Meister und Bachelor sind nun besser miteinander vergleichbar. Leider fördert das Saarland aber die berufliche Bildung immer noch deutlich geringer als die akademische Bildung. Wir beobachten ein Ungleichgewicht zwischen der finanziellen Ausstattung der Hochschulen und der beruflichen Bildungsstätten. 

Allerdings haben wir im Saarland einen wesentlich größeren Bedarf an beruflich qualifizierten Fachkräften als an Bachelor-Absolventen. Hier gibt es aus unserer Sicht noch dringenden Handlungsbedarf. Es gilt die besondere Wertigkeit der beruflichen Ausbildung herauszustellen, damit sich junge Menschen, die vor der Berufswahl stehen, wieder vermehrt für einen Handwerksberuf entscheiden.  

Ich will aber auch nicht unerwähnt lassen, dass die bessere Ausstattung des Meisterbafögs ein erster Schritt in die richtige Richtung ist, um diese für uns so wichtige Weiterbildung aufzuwerten. 

Stichwort „Fachkräftesicherung“: Wie will die Handwerkskammer dieser Herausforderung in den nächsten Jahren begegnen? 

Bernd Wegner: Aufgrund der besonderen Bedeutung dieser Aufgabe haben wir  in unserem Masterplan „Handwerk 2020“ dem Thema „Fachkräftesicherung“ einen Schwerpunkt eingeräumt. Wir wollen diese Herausforderung gemeinsam mit unseren Partnern meistern und haben dazu ein umfangreiches Instrumentarium entwickelt. Hierzu zählt beispielsweise die Ansprache Jugendlicher mittels Medien, wie etwa dem mobilen „Lehrstellenradar“, aber auch unsere Präsenz auf Ausbildungsmessen und in Schulen. Zudem haben wir für alle, die sich über eine Ausbildung im Handwerk informieren möchten, eine Hotline (Tel. (0681) 5809-809) eingerichtet. Wichtig sind auch unsere gemeinsamen Projekte mit dem Jobcenter Saarbrücken, die darauf abzielen, Jugendliche mit Vermittlungshemmnissen in den Ausbildungsmarkt zu integrieren.  

Des Weiteren sind Studienabbrecher, sozusagen Neuorientierer, die nach einer Alternative zum bisherigen Studium suchen, eine wichtige Zielgruppe unserer Fachkräfteakquise. Denn viele Nochstudierende, wissen nicht, dass sie sehr gute Karrieremöglichkeiten im Handwerk besitzen. Zudem haben wir auch eine Lehrstellen- und Praktikantenbörse unter www.lehrstellenboerse.saarland, die derzeit noch 400 offene Lehrstellen in Handwerk anbietet. 

In den nächsten Jahren stehen eine Reihe von Handwerksbetrieben zur Übernahme an. Wie reagiert Ihr Haus darauf? 

Bernd Wegner: Es ist wichtig, dass die Übernehmer handwerklicher Betriebe optimal qualifiziert sind. Die Meisterausbildung schafft dazu das notwendige Fundament. Darüber hinaus bieten wir mit unserem Weiterbildungsangebot „Geprüfter Betriebswirt HwO“ die Möglichkeit, sich im Bereich Unternehmensführung weiter zu qualifizieren, wobei der Bezug zur betrieblichen Praxis stets im Vordergrund steht. Dadurch sind die Absolventen in der Lage, aktuelle Anforderungen, die heute an Unternehmer gestellt werden, zu bewältigen. Das reicht von Personal, Marketing bis hin zu Fragen der Bilanzierung und des Steuerrechts.  

Ergänzend will ich darauf hinweisen, dass die Unternehmensberatung unserer Handwerkskammer sowohl potenzielle Übernehmer als auch Übergeber umfangreich berät. 

Die Flüchtlingsdebatte betrifft auch das Handwerk. Welche Chancen ergeben sich aus dem Zuzug für die Sicherung der Fachkräfte? 

Bernd Wegner: Aus dem Zuzug der Flüchtlinge ergeben sich sicher auch Chancen für unser Handwerk, das Fachkräfteproblem zu mildern. Kurzfristig lösen werden wir das Problem damit nicht können, da Handwerksberufe eine solide Ausbildung erfordern. Und um diese schulischen Anforderungen meistern zu können, ist die Beherrschung der deutschen Sprache eine Grundvoraussetzung. 
Bis Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt des Handwerks integriert werden können, wird noch eine gewisse Zeit vergehen. Dennoch verspüren wir bei unseren Betrieben ein großes Wohlwollen und die Bereitschaft, Flüchtlinge in Ausbildung zu bringen.  

Welchen Beitrag leistet die Handwerkskammer bei der Integration von Flüchtlingen? 

Bernd Wegner: Unsere Handwerkskammer hat das Thema sehr früh aufgegriffen und eine Taskforce gegründet, die Maßnahmen zur beruflichen Integration von Flüchtlingen entwickelt. Unser Hauptziel ist dabei die Förderung der Berufsorientierung von Migranten. Unsere Veranstaltung „Unternehmer treffen Flüchtlinge“ in Riegelsberg ist der Beginn einer Reihe niedrigschwelliger Formate, mit denen wir Menschen mit Migrationshintergrund mit Handwerk in Berührung bringen. Wir denken auch an die Einstellung eines Flüchtlingscoaches, der die Schnittstelle zum Handwerk herstellt.  

Darüber hinaus bauen wir eine Datenbank auf, die Betriebe listet, die sich für die Ausbildung von Flüchtlingen interessieren. Unsere Handwerkskammer ist zudem Mitglied im Verein „Saarwirtschaft hilft Flüchtlingen“ mit unserem Hauptgeschäftsführer Dr. Arnd Klein-Zirbes als stellvertretenden Vorsitzenden. Hier werden Aktivitäten gebündelt und für Flüchtlinge Brücken in den Arbeitsmarkt gebaut.  

Herr Wegner, nehmen wir mal an, Sie hätten einen Wunsch frei. Was würden Sie sich am meisten für das saarländische Handwerk wünschen? 

Bernd Wegner: Das saarländische Handwerk ist eine zentrale Stütze der Saarwirtschaft. Ich wünsche mir, dass unser Wirtschaftsbereich weiterhin die nötige politische Unterstützung erhält, um auch in Zukunft seine wichtige Rolle als größter gewerblicher Ausbilder wahrnehmen zu können. 
Mir ist wichtig, dass die politisch Verantwortlichen die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass sich das Handwerk weiterhin wirtschaftlich entwickeln kann. Dazu gehört vor allem eine moderne Infrastruktur, wie beispielsweise der Ausbau eines leistungsstarken Breitbandnetzes und solide Verkehrsanbindungen.  

Und dazu gehört auch die Gleichbehandlung beruflicher und akademischer Gleichwertigkeit. Gerade vor dem Hintergrund der Neuausrichtung unserer Bildungsstätten ein für uns wichtiges Thema. Hier ist mit Blick auf die Förderung durch die Landesregierung noch Luft nach oben. Mein Wunsch ist ein Appell: Gesteht der beruflichen Bildung den gleichen Stellenwert zu wie der akademischen! 
 
Lehrstellenradar
Mit der kostenlosen App „Lehrstellenradar“ lässt sich mobil die richtige Lehrstelle finden. Informationen dazu gibt es im Internet unter www.lehrstellen-radar.de.
HWK-Ansprechpartner ist Wolfgang Matheis, Telefon: (0681) 5809-116. E-Mail: w.matheis@hwk-saarland.de

Geprüfter Betriebswirt (HwO)
Informationen gibt es bei HWK-Weiter­bildungsberaterin Elke Borowski, Telefon: (0681) 5809-192, E-Mail: e.borowski@hwk-saarland.de. 

Meister-BAföG
Informationen gibt es bei HWK-Weiter­bildungsberaterin Elke Borowski, Telefon: (0681) 5809-192, E-Mail: e.borowski@hwk-saarland.de und bei Karin Hussung, Telefon: (0681) 5809-131, E-Mail: 
k.hussung@hwk-saarland.de.