„Musikmachen ist Handwerk näher als andere Künste“


Gregor Schwellenbach ist freischaffender Künstler, Musiker und Komponist. In der speziellen Fertigkeit und der Kreativität sieht er das Musikmachen und das Handwerk sehr verwandt. Für ihn ist wichtig, die eigene Individualität herauszustellen und nicht jedem Trend nachzulaufen.
 
DHB: Herr Schwellenbach, haben Sie einen persönlichen Bezug zum Handwerk? Welchen?
Schwellenbach: Ich fühle mich dem Handwerk sehr verbunden. Mein Urgroßvater war Bäcker, mein Großvater Schneider. Vor allem aber finde ich, meine eigene Arbeit als Komponist und Musikproduzent ist dem Handwerk sehr verwandt.

DHB: Was haben Handwerk und Kunst gemeinsam?
Schwellenbach: Beidem gemeinsam ist zunächst einmal der schöpferische Akt. Wir stellen uns etwas vor, das es noch nicht gibt und stellen es dann her. Das kann eine Klimaanlage sein, ein Brot, eine Frisur oder in meinem Fall ein Audio-Stream oder noch besser eine Schallplatte. Dieser Kreativität vorangestellt ist eine ganz konkrete Fähigkeit, ein spezielles Können. In dem Punkt ist Musikmachen dem Handwerk näher als andere Künste wie z.B. die Schauspielerei. Weiterhin muss der Handwerker wie der Musikproduzent den Markt im Blick haben, ohne ihm hinterher zu laufen. Und schließlich sollte man bei aller Kreativität auch seine Buchhaltung im Blick haben, auch da sind wir uns ähnlich. Wir tragen also die Verantwortung von der Idee bis zur Benutzung und sind darum auch oft sehr stolz auf das, was wir machen.

DHB: Was sollten Handwerker tun, um einen ,Hit‘ zu produzieren?
Schwellenbach: Ich bin überzeugt, dass man einem Produkt die Leidenschaft seines Schöpfers anmerken kann. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Persönlichkeit, die sich im Produkt ausdrücken und es aus der Masse hervorheben sollte, und dem Bewusstsein für den Bedarf nach diesem Produkt ist wichtig, um den Hit zu ermöglichen. Wenn das Verhältnis stimmt, kann man Trends vorausahnen und etwas einzigartiges Anbieten.

DHB: Ihre Musik gilt als innovativ. Sie setzen verschiedene Stilrichtungen in neue Zusammenhänge. Warum ist für Sie das Verlassen ausgetretener Pfade so wichtig?
Schwellenbach: Musik nur nachzuspielen ist nicht so interessant. Schließlich hat heute jeder Zugriff auf endlose Mengen an fantastischer Musik, die sich jederzeit anhören lässt. Wenn ich selber zum Instrument, zum Notenblatt oder zur Audiosoftware greife, dann nur, um meine persönliche Sicht mitzuteilen. Diese muss dann nicht immer das Rad neu erfinden, aber sie soll unverwechselbar meine sein.

DHB: Sie sind sehr vielseitig ausgerichtet. Sowohl in der Zahl der Instrumente, die sie spielen, als auch in den Musikrichtungen, in denen Sie unterwegs sind. Was bedeutet diese Vielfalt für Sie?
Schwellenbach: Ich bin einfach gnadenlos interessiert an der Welt und meine Vielfalt spiegelt dieses Interesse wieder. Manchmal ist das fast unangenehm, denn es fällt mir schwer, mich auf ein Genre oder ein Instrument zu konzentrieren, und manchmal kommt es mir vor, ein Leben sei zu kurz für all das, womit ich mich gerne beschäftigen würde. Wirtschaftlich aber ist diese Vielseitigkeit ganz angenehm, denn irgendein Feld, das mich interessiert, läuft immer. Und wenn aus einer Ecke keine Anfragen mehr kommen, tun sich in einer anderen neue schöne Aufgaben auf. So arbeite ich ein paar Jahre für Film oder Theater, dann produziere ich Remixes, arrangiere Streicher, ich coache jüngere Musiker, halte Vorträge oder inszeniere Musiktheater. Es gibt immer etwas Aufregendes zu tun.