Vernichtet die Akademisierung Ausbildungsplätze im Handwerk?


Heidrun Schulz und Präsident Wegner starten die mobile Bewerbung der HWK-Azubi-Hotline.

Gemeinsame Pressekonferenz der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit und der Handwerkskammer des Saarlandes.
HWK bewirbt 150 offene Lehrstellen

In einer gemeinsamen Pressekonferenz am 8. September in der Handwerkskammer des Saarlandes (HWK) haben die Regionaldirektion Rhein-land-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit und die Handwerkskammer des Saarlandes deutlich gemacht, dass im anhaltenden Trend zur Akademisierung ein Grund für den Bewerberrückgang im Handwerk zu sehen ist. HWK-Präsident Bernd Wegner hebt hervor: „Diese Entwicklung gefährdet die langfristige Versorgung des saarländischen Handwerks mit qualifizierten Fachkräften. Schon jetzt macht sich gerade in den technisierten Berufen ein Fachkräftemangel bemerkbar. Das saarländische Handwerk bietet derzeit 150 offene Lehrstellen. Wir werden nicht nachlassen, auf die Karrierechancen in unserem Wirtschaftsbereich hinzuweisen“. Der Kammerpräsident weist in diesem Zusammenhang auf die Azubi-Hotline 0681/ 58 09-216 der HWK hin, die sein Haus seit Juli freigeschaltet hat und die derzeit in Saarbrücken mit einer mobilen Plakatwand beworben wird. 

Heidrun Schulz, Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit bestätigte, dass die Unternehmen überwiegend Personal mit guter beruflicher Qualifikation suchen. „Nicht zuletzt aufgrund des technischen Fortschritts wird der Bedarf an Akademikern zwar wachsen, aber auch der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften wird in Zukunft auf hohem Niveau liegen. Hier gibt es gute Chancen.“

Studium nicht immer die richtige Wahl
HWK-Präsident Bernd Wegner verweist auf Studien, die belegen, dass eine akademische Ausbildung nicht automatisch das Ticket zu einer Führungsposition ist. Hinzu komme die hohe Zahl derjenigen, die ihr Studium abbrechen, um sich neu zu orientieren, was ein erster Schritt in eine Karriere im Handwerk sein kann. In dieser Personengruppe sieht Wegner eine interessante Zielgruppe für das Handwerk: „Deshalb haben wir Anfang des Jahres einen Studienscout eingestellt“, so Bernd Wegner. 

Heidrun Schulz hierzu: „Die Entscheidung für ein Studium oder eine Ausbildung sollte sorgfältig abgewogen werden. Es ist immer ratsam, sich über mehrere Alternativen und Wege gründlich zu informieren. Dazu gehört es auch, praktische Erfahrungen zu sammeln und sich die unterschiedlichen Möglichkeiten in Praktikumsphasen anzusehen. Erst danach lässt sich eine tragfähige Entscheidung für den individuell richtigen Weg treffen. Gerade auch im Handwerk gibt es sehr gute berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und Verdienstchancen.“ Sie betonte auch, dass die duale Ausbildung ein Systemgarant sei, die wesentlich zur Sicherung des Arbeitsmarkts beitrage.

Handwerk bietet Chance für Neuorientierer 
Neuorientiert hatte sich auch Schreinermeister Florian Jost. Nachdem er erkannt hatte, dass ein Studium nicht seinen Erwartungen entspricht, hat er sich in der Berufsberatung der Arbeitsagentur und der Handwerkskammer beraten lassen. Heute ist er Meister und ein gefragter Mann. „Ich kann nur jedem empfehlen, die Beratungsangebote an¬zunehmen, um herauszufinden, welcher Beruf zu ihm passt.“ Seine Auszubildende Chantal Karollus hat ein Studium zum Bachelor Kulturwissenschaft abgeschlossen und absolviert zurzeit eine Schreinerlehre. Sie erklärt unumwunden: „Es war für mich bedeutend einfacher, im Saarland einen Ausbildungsplatz  als Schreiner zu finden als einen adäquaten Arbeitsplatz im Kulturmanagement. Das Schöne ist, dass sich Handwerk und Kulturwissenschaft wunderbar miteinander verbinden lassen. Schließlich ist das Handwerk Bestandteil und Voraussetzung kulturellen Schaffens. Das gilt auch und gerade für das Schreinerhandwerk.“

Vorbehalte gegen berufliche Bildung abbauen
Heidrun Schulz und Bernd Wegner konstatierten, dass Eltern und Jugendliche der beruflichen Ausbildung im Handwerk immer noch mit Vorurteilen begegnen. Dies müsse sich ändern: „Manche denken, dass sich nur mit einem Studium gute Einkommen erzielen lassen und sich bessere Erwerbskarrieren ergeben. Es ist zu wünschen, dass Ausbildung und Studium in der öffentlichen Wahrnehmung gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die beste Berufswegeplanung hängt von den individuellen Fähigkeiten, Eignungen und Freuden am jeweiligen Tun ab.“