Serie: 125 Jahre Handwerkskammer des Saarlandes Teil 6: 2000 bis heute: Das Handwerk als stabilisierender Faktor

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Spatenstich zur neuen HWK-Bildungsstätte im Juli 2022 | Foto: Jennifer Weyland

Die letzten 25 Jahre waren geprägt von vielfältigen Entwicklungen – wirtschaftlich, gesellschaftlich und technologisch. In dieser Zeit hat sich das saarländische Handwerk als verlässliche Größe behauptet. Die Handwerkskammer des Saarlandes (HWK) stand ihren Mitgliedsbetrieben dabei mit Rat, Tat und Weitsicht zur Seite – als Interessenvertretung, Bildungspartnerin, Innovationstreiberin und Krisenmanagerin.

Krisen wie das Platzen der Dotcom-Blase (2000), die weltweite Finanzkrise (2007/2008), die Eurokrise (ab 2010) und zuletzt die Corona-Pandemie stellten die gesamte Wirtschaft auf die Probe. Das Handwerk zeigte in diesen Zeiten besondere Stärke: Es erwies sich als stabilisierender Faktor, sicherer Arbeitgeber und Rückgrat der Region, das in der Gesellschaft großes Vertrauen genießt. In diesen Jahren unterstützte die HWK die Betriebe durch gezielte Informationen und Beratungsangebote. Außerdem passte sie ihre Dienstleistungen an die neuen Rahmenbedingungen an.

Zäsur: Die Handwerksrechtsnovelle 2004

Ein großer Einschnitt für die Handwerksorganisation war die Novelle der Handwerksordnung (HwO) im Jahr 2004. Mit der Einführung zulassungsfreier Handwerke (Anlage B, Abschnitt 1) entfiel für 53 Gewerke die Meisterpflicht – eine spürbare Veränderung für das gesamte Kammerwesen. Die HWK musste sich organisatorisch neu aufstellen, um mit den vielen neuen Mitgliedern, geänderten Zuständigkeiten und der parallelen Einführung eines neuen IT-Systems zurechtzukommen. Seit 2006 ist die HWK zudem seitens der obersten Landesbehörde ermächtigt worden, in eigener Verantwortung Ausnahmebewilligungs- und Ausübungsberechtigungsverfahren zu bearbeiten.

Ein wichtiges Signal für den Wert qualifizierter Berufsausübung setzte 2020 die sogenannte Rückvermeisterung: Zwölf zuvor zulassungsfreie Gewerke wurden wieder meisterpflichtig – ein Erfolg für das qualitätsorientierte Handwerk und die Handwerkskammerorganisation, die sich dafür stark gemacht hatte. Die inzwischen durchgeführte Evaluation hat gezeigt, dass die im Jahr 2020 erfolgte Rückvermeisterung ein wichtiger und richtiger Schritt war.

Zukunft der SMTS gesichert

Nachdem die Schließung der Saarländischen Meister- und Technikerschule (SMTS) gedroht hatte, verständigten sich die Landesregierung und die Handwerksorganisationen darauf, dass die Handwerkskammer des Saarlandes die Schule ab dem Schuljahr 2007/2008 in privater Trägerschaft – mit Unterstützung des Wirtschafts- und Bildungsministeriums – weiterführt.

Im Frühjahr 2024 trat eine neue Verwaltungsvereinbarung zwischen dem Land (Ministerien für Wirtschaft, Innovation, Digitales und Energie sowie für Bildung und Kultur) und der HWK zur SMTS in Kraft. Die Landesregierung des Saarlandes wird die SMTS als Vollzeitschule weiterhin durch eine Grundfinanzierung sowie die Abordnung staatlicher Lehrkräfte unterstützen. Ziel bleibt es, die berufliche Bildung im Saarland als gleichwertige Alternative zur akademischen Bildung zu stärken.

Digitalisierung als Daueraufgabe

Seit 2010 rückte die Digitalisierung zunehmend in den Fokus. Mit der Übertragung der Geschäftsstelle des „Einheitlichen Ansprechpartners“ durch das Saarland wurde die HWK neben der IHK zur unmittelbaren Landesbehörde – ein Meilenstein in der Verwaltungsmodernisierung. Als Einheitlicher Ansprechpartner bietet sie Existenzgründern die Möglichkeit, alle Schritte zur selbstständigen Tätigkeit digital über eine Stelle abzuwickeln.

Gleichzeitig digitalisierte die Kammer Schritt für Schritt ihre eigenen Prozesse: 2011 wurde das erste Dokumentenmanagementsystem eingeführt, später folgten der Online-Lehrvertrag, das digitale Berichtsheft sowie das digitale Zulassungsverfahren bei Meister- und Fortbildungsprüfungen. Heute sind viele HWK-Angebote auch digital nutzbar – eine Entwicklung, die durch die Corona-Pandemie nochmals beschleunigt wurde.

Nachhaltigkeit und Integration

Das Thema Nachhaltigkeit wurde seit den 2000er-Jahren systematisch ausgebaut – insbesondere durch das bereits 1994 gegründete Saar-Lor-Lux-Umweltzentrum (UWZ). Dieses berät Handwerksbetriebe rund um Umwelttechnik, Ressourceneffizienz und nachhaltige Betriebsführung. Über das UWZ liefen auch internationale Berufsbildungsprojekte in mehreren afrikanischen Ländern, die unter anderem über das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert wurden.

Auch gesellschaftliche Verantwortung spielte eine wachsende Rolle: Die Integration von Geflüchteten ins Handwerk – gerade seit 2015 – wurde von der HWK aktiv gefördert. Mit zahlreichen Projekten wie dem Projekt „Passgenaue Besetzung und Willkommenslotsen“ leistet das Handwerk seinen Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe und Fachkräftesicherung.

Bildungsstätte für die Zukunft

Ein neues Kapitel der Berufsbildung wurde im Juli 2022 aufgeschlagen: Mit dem Spatenstich für die neue HWK-Bildungsstätte in der Saarbrücker Hohenzollernstraße begann das größte Infrastrukturprojekt der Kammergeschichte. Das neue Zentrum, dessen Richtfest im Juni 2024 gefeiert wurde, soll ab 2026 Auszubildende, Weiterbildungsinteressierte und Ehrenamtsträger unter einem Dach vereinen. Mit moderner Ausstattung, nachhaltigem Energiekonzept und Raum für bis zu 700 Personen pro Tag wird es die zentrale Bildungsstätte für das saarländische Handwerk sein – mitten im Herzen der Landeshauptstadt.

Europäische Partnerschaft mit Tradition

Ein besonderes Zeichen gelebter Freundschaft: Seit 1984 pflegt die HWK eine enge Partnerschaft mit der Chambre de Métiers et de l’Artisanat Manche in der Normandie. Austauschprogramme für Auszubildende, gemeinsame Projekte und regelmäßige Begegnungen prägen diese Kooperation. Im Herbst 2024 wurde das 40-jährige Jubiläum in Coutances gefeiert – ein starkes Symbol europäischer Verbundenheit. Im Oktober 2025 werden die französische Partnerdelegation sowie französiche Auszubildende erneut im Saarland zu Gast sein.

Zur vollständigen Betrachtung der jüngeren Geschichte gehört auch ein schwieriges Kapitel: Im November 2022 kam es zu ersten Durchsuchungen bei der Handwerkskammer des Saarlandes, die sich ein Jahr später im November 2023 wiederholten. Hintergrund sind Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue gegen frühere Mitglieder der Hausspitze. Die strafrechtlichen Untersuchungen dauern an. Die aktuelle HWK-Führung hat sich eine lückenlose Aufarbeitung und volle Transparenz zum Ziel gesetzt.


Quelle: Fabry, Philipp W., Dr. phil., „Das saarländische Handwerk und seine Organisationen in Geschichte und Gegenwart“, Verlag „Die Mitte“, Saarbrücken, 1999